Ein spontaner Einfall wird zum Plan
Schon lange spielte ich mit dem Gedanken, eine längere Reise zu unternehmen. Doch zwei Fragen hielten mich immer wieder davon ab: Wann ist der richtige Zeitpunkt? und Wohin soll es überhaupt gehen?
An einem sonnigen Herbsttag kam das Thema wieder auf – diesmal in einem Gespräch mit meinem guten Freund und damaligen Arbeitskollegen Justin. Falls ihr ihn nicht kennt: Das ist Justin. Seine größte Leidenschaft ist das Reisen – aber nicht, wie es viele tun würden, mit einem Cocktail in der Hand an einem überfüllten Sandstrand. Nein, Justin sucht das Abenteuer. Er zieht es vor, Länder zu erkunden, die kaum jemand auf dem Schirm hat. So führte ihn seine letzte Reise mit seiner Freundin Anja nach Kirgisistan und Kasachstan – Orte, die für die meisten wohl ganz unten auf der Reiseliste stehen würden.
Wenn es ums Reisen geht, sprüht Justin nur so vor Ideen – und dieses Mal war keine Ausnahme. Mit einem breiten Grinsen pitchte er mir seine neueste verrückte Eingebung: Mit einem Motorroller von Dortmund bis nach China zu fahren. Während ich noch ungläubig lachte, begann er bereits, mögliche Routen zu recherchieren, checkte Visa-Bestimmungen und hatte innerhalb weniger Minuten eine grobe Strecke zusammengestellt.
Die Idee ließ mich nicht mehr los. Immer wieder sprach Justin mich darauf an, und je länger ich darüber nachdachte, desto reizvoller wurde der Gedanke. Schließlich fasste ich eine Entscheidung: Ich verschiebe mein Masterstudium um ein Semester und nutze die Zeit, um zu reisen.
Doch bis nach China? Das klang selbst für mich ein bisschen zu gewagt. Gleichzeitig hatte ich – nicht zuletzt durch Justin – angefangen, einen Segelbootsführerschein zu machen. Die Praxisprüfung fiel genau in die Mitte meiner geplanten Reisezeit. Also musste ich überlegen: Wie kann ich diese beiden Dinge miteinander verbinden?
Die Antwort kam mir schnell: Ich lebe seit 24 Jahren in Europa, doch habe bisher nur einen Bruchteil davon gesehen. Warum also nicht meine Leidenschaft für das Unterwegssein mit dem Wunsch verbinden, unseren Kontinent besser kennenzulernen? Und so entstand die Idee: Mit einem Motorroller durch Europa.
Alles rund um meinen fahrbaren Untersatz
Das Herzstück dieser Reise? Ganz klar: der Motorroller. Doch schon bei der Suche stieß ich auf das erste Problem. Mit meinem Autoführerschein hätte ich nur ein Mofa fahren dürfen – mit maximal 45 km/h. Und mal ehrlich: Das wäre für eine Reise durch Europa dann doch etwas zu langsam und wahrscheinlich auch zu leistungsschwach.
Aber aufgeben? Keine Option! Die Lösung war schnell gefunden: Ein Motorradführerschein musste her. Da ich Anfang Januar 24 geworden bin, konnte ich direkt die Klasse A machen – ohne Beschränkungen. Damit stand fest: Ich würde nicht nur reisen, sondern mir auch gleich die Freiheit auf zwei Rädern in vollem Umfang sichern.
Mit dem Führerschein in Angriff begann die nächste Herausforderung: Welcher Roller sollte es werden? Modern oder alt? Ein neueres Modell wäre zuverlässiger, ein älteres hätte dafür mehr Charakter – und wäre auch günstiger. Da ich das Abenteuer suchte und gleichzeitig ein paar Euro sparen wollte, fiel die Entscheidung auf ein älteres Modell.
Nach langer Recherche hatte ich meinen Favoriten gefunden: Den Honda Helix. Objektiv betrachtet? Wahrscheinlich einer der hässlichsten Roller, die je gebaut wurden. Aber genau das macht ihn für mich so besonders – dieses eigenwillige, fast schon kultige Design. Aber genug geredet, seht selbst:
Quelle: https://www.1000ps.de/
Als ich das Bild sah, war mir sofort klar: Diesen Roller brauche ich! Doch die Suche stellte sich als echte Herausforderung heraus. Offensichtlich war ich nicht der Einzige, der dieses Modell feierte. Die Preise waren hoch, und die wenigen günstigen Angebote waren entweder schnell weg oder hatten einen Haken.
Kurzzeitig war ich sogar bereit, einen Roller mit Unfallschaden zu kaufen und selbst wieder herzurichten. Doch der Verkäufer erwies sich als unzuverlässig – am Abend vor der Besichtigung wurde der Termin mit fadenscheinigen Ausreden abgesagt. Auch ein zweiter Versuch, ein anderes Modell zu ergattern, scheiterte.
Der Start meiner Reise rückte immer näher, und langsam begann ich, mich nach Alternativen umzusehen. Doch dann – Zufall oder Schicksal? – stieß ich an einem Sonntagabend erneut auf einen Helix bei eBay Kleinanzeigen. Der Preis war fair, der Zustand sah vielversprechend aus. Ich wusste, solche Angebote verschwinden schnell, also zögerte ich nicht lange und vereinbarte direkt einen Besichtigungstermin für Dienstag.
Aber da gab es ein Problem: Wie transportiere ich den Roller, falls es zum Kauf kommt? Die einzige Person, die mir einfiel, war mein Vater – er hat ein großes Auto und könnte zudem eine Probefahrt machen. Doch ich wusste, dass er gerade nicht in der Nähe war. Trotzdem fragte ich ihn, und ohne zu zögern sagte er zu: Nach der Arbeit würde er zwei Stunden im Berufsverkehr zu mir fahren – und mitten in der Nacht die Strecke wieder zurück.
An dieser Stelle ein riesiges Dankeschön an meinen Vater, der mich in solchen Momenten immer unterstützt!
Die Besichtigung verlief perfekt. Der Roller war in einem super Zustand, der Verkäufer ehrlich und zuverlässig. Er erzählte mir sogar, dass bereits Händler versucht hatten, den Roller ungesehen zu kaufen, und dass am Montag ein Spediteur zur Abholung kommen wollte. Doch ich war schneller – und bekam die Zusage.
Auch an den Verkäufer ein großes Dankeschön – für die Fairness und dafür, dass er sein Wort gehalten hat!
Doch bis ich meinen Führerschein in der Tasche hatte, musste der Roller erst einmal stehen. Kein großes Problem, denn es gab sowieso noch ein paar Dinge zu erledigen. Der Anlasser machte Zicken, die Batterie war hinüber und ein paar Upgrades standen auch auf meiner Liste. Ich wollte eine USB-Ladebuchse installieren, um mein Handy während der Fahrt laden zu können, und eine Handyhalterung für die Navigation war ebenfalls ein Muss.
Also bestellte ich alle Teile und plante, an einem Samstagnachmittag „mal eben“ alles einzubauen. Doch aus dem „mal eben“ wurde – wie so oft – eine ausgewachsene Baustelle.
Nachdem ich die USB-Buchse montiert hatte, stellte sich die Frage: Wo schließe ich sie am besten an? Zum Glück hatte mir der Vorbesitzer ein Reparaturhandbuch mitgegeben, in dem auch der Schaltplan enthalten war. Während ich das Buch durchblätterte, kam mir die Idee: Warum nicht auch gleich das Problem mit dem Not-Aus-Schalter angehen? Laut Verkäufer hatte der schon bei seinem Kauf nicht funktioniert.
Schon an der Unterverteilung fand ich eine erste Überraschung: eine Nysterklemme – etwas, das eigentlich nur in der Hauselektrik verwendet wird. Doch wohin führte das Kabel? Um das herauszufinden, musste ich erst einmal die halbe Verkleidung abbauen. Und dann entdeckte ich das wahre Ausmaß des Chaos: Ein Frankenstein-Monster aus Nysterklemmen, Quetschverbindern und wild zusammengefrickelten Kabeln, alles in Isolierband eingewickelt.
Mittlerweile war es dunkel, der Roller halb zerlegt – und ich kein Stück weiter. Mein Vater schlug vor, ihn auf die Terrasse zu stellen, wo ich zumindest Licht und ein Dach über dem Kopf hätte. Gesagt, getan.
Dort konnte ich endlich konzentriert weitermachen. Stück für Stück verfolgte ich die Verkabelung im Schaltplan und versuchte, die ursprüngliche Verdrahtung wiederherzustellen. Um halb zwei nachts hatte ich es zumindest provisorisch so verkabelt, wie es im Original hätte sein sollen. Da einige Stecker und Kabel fehlten oder gekürzt worden waren, bestellte ich die passenden Teile und baute sie später ordnungsgemäß ein.
Da die Tour über mehrere tausend Kilometer führen wird, war klar: Ein gründlicher Technik-Check ist Pflicht. Also habe ich nicht nur das Motoröl, sondern auch das Getriebeöl gewechselt. Bei der Gelegenheit nahm ich mir auch den Antriebsriemen vor – und tatsächlich: erste Risse waren bereits zu erkennen. Zum Glück hatte ich beim Kauf des Rollers direkt einen neuen Riemen dazubekommen, den ich kurzerhand mit eingebaut habe.
Auch der Anlasser ließ sich unkompliziert in etwa einer halben Stunde tauschen – damit waren die wichtigsten mechanischen Baustellen vorerst erledigt.
Ein bekanntes Schwachstellen-Thema bei der Helix ist der Vergaserstutzen, das Verbindungsteil zwischen Vergaser und Zylinderkopf. Da dieses Bauteil aus Gummi besteht, führt die ständige Vibration während der Fahrt häufig zu Rissen. Honda hat dafür nachträglich eine spezielle Halterung entwickelt, die den Vergaser zusätzlich stabilisiert und die Belastung reduziert. Über Kleinanzeigen konnte ich genau diesen Halter auftreiben und ebenfalls direkt einbauen.
Nachdem nun alles Wichtige überholt, getauscht und auf Vordermann gebracht war, habe ich den Roller wieder zusammengebaut – und konnte endlich zur ersten Probefahrt starten. Da ich leider noch immer keinen Führerschein hatte, musste ich leider hinten platz nehmen.
Freiheit auf Rädern – der Führerschein als Türöffner
Bevor ich überhaupt mit dem Roller losdüsen konnte, musste natürlich der passende Führerschein her. Für die große Tour reichte mein Autoführerschein nicht – es musste also ein Motorradführerschein der Klasse A her. Klingt erstmal nach bürokratischer Pflicht, wurde aber zu einem echten kleinen Abenteuer für sich.
Der erste Schritt: eine passende Fahrschule finden. Ich habe mich bei mehreren Fahrschulen erkundigt, Preise verglichen und mir den Ablauf erklären lassen. Preislich lagen fast alle auf einem ähnlichen Niveau – aber bei der Organisation der Theorie gab es große Unterschiede. Viele Fahrschulen boten die Theorie in Form von Einzelstunden an, verteilt über mehrere Wochen. Das hätte meinen Zeitplan ganz schön nach hinten geschoben.
Dann stieß ich auf eine Fahrschule, die den Theorieunterricht im Blockformat anbot – drei Abende, zack, fertig. Genau das, was ich brauchte! Klar, drei intensive Abende in Folge sind anstrengend, aber dafür war das Ganze schnell erledigt. Ich war direkt begeistert und meldete mich an.
Zwei große Unsicherheiten blieben allerdings: Die Anmeldung bei der Stadt für den Führerscheinantrag sollte laut Aussage der Fahrschule zwischen 6 und 10 Wochen dauern. Und dann begann der erste Blockkurs auch erst Ende Februar – ziemlich knapp für meine Reiseplanung. Ich wusste: Wenn sich irgendwas verzögert, könnte das meine ganze Tour verschieben. Aber ich entschied mich trotzdem dafür, es zu wagen. Risiko hin oder her.
Und dann kam die Überraschung: Die Anmeldung bei der Stadt war auf einmal schon Ende Februar durch – schneller als gedacht und für alle Beteiligten eine echte positive Ausnahme. Der Haken an der Sache: Der erste freie Termin für die Theorieprüfung war erst am 24. März verfügbar. Ohne bestandene Theorie keine Praxis – also hieß es: warten.
Am 24. März war es dann soweit. Ich bestand die Theorieprüfung auf Anhieb – ein kleiner Meilenstein! Sofort meldete ich mich zur praktischen Prüfung an. Doch der nächste freie Termin war erst am 21. April. Das war mir ehrlich gesagt zu spät – mein Reisebeginn war für Anfang April geplant und so würde ich erst Ende April loskommen.
Zum Glück hatte ich ein gutes Gespräch mit meinem Fahrlehrer. Er setzte sich für mich ein, sprach mit seinem Chef – und tatsächlich: Ich durfte die Prüfung eine Woche vorher, am 14. April ablegen.
Als ich dann die praktische Prüfung bestand, fiel mir wortwörtlich ein Stein vom Herzen. Ich wusste: Ein Nichtbestehen hätte nicht nur meine Laune gekillt, sondern auch meinen kompletten Zeitplan ins Wanken gebracht. Vielleicht war es genau dieses Wissen, das das Glücksgefühl an diesem Tag so besonders machte – sogar noch intensiver als damals beim Autoführerschein.
Jetzt konnte das Abenteuer wirklich beginnen.
Für alle die es interessiert, der Führerschein hat mich inkl. Anmeldung und Tüv Gebühren 2598,66€ gekostet. Also kein günstiger Spaß. Aber ich muss sagen auch wenn es sehr viel Geld ist, für mich hat er sich jetzt schon gelohnt.
Erinnerungen schaffen – nicht verschieben
Während der Planung meiner Reise traf uns zu Beginn des Jahres ein unerwarteter Verlust: Wir mussten Abschied von meiner Oma nehmen. Bei der Abschiednahme blieb mir ein Satz meiner Mutter besonders im Gedächtnis: „Ich bin so froh, dass wir die gemeinsamen Urlaube gemacht haben, die werde ich nie vergessen.“ Damit meinte Sie die Urlaube, die Sie mit meiner Oma über Jahre hinweg unternommen hatte. Dieser Satz berührte mich tief und ließ mich über meine eigene Reise nachdenken.
Er erinnerte mich an ein Geschenk, das mir meine Mutter zu meinem Abitur geschenkt hatte – eine Kreuzfahrt mit Ihr, die ich aufgrund meines Studiums und vieler anderer Verpflichtungen immer wieder verschoben hatte. Doch nach fast fünf Jahren entschloss ich mich, dieses Geschenk endlich wahrzunehmen.
Ich begann also, zu recherchieren und verschiedene Portale zu durchsuchen, um eine Kreuzfahrt zu finden, die zeitlich in meine Europa Reise passt. Schließlich entdeckte ich eine, die perfekt in meinen Zeitplan passte, direkt im Anschluss an meine Segelpraxisprüfung. Wohin die Reise genau geht, verrate ich an dieser Stelle jedoch noch nicht…
